Autorenhomepage von Siegfried Heinrich

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Süddeutsche Zeitung vom 20.12.2003

„Die Stücke müssen authentisch und aktuell sein“

Dramaturg des ungeschminkten Lebens

Mit seinem unverklärten Blick auf die Gesellschaft will Siegfried Heinrich das Volkstheater modernisieren ..............Von Martin Zips

Bad Abbach – Mit seiner Frau Jana war Herr Heinrich mal auf Teneriffa. Strand, Hotel, Strand, Hotel. Immer das Gleiche. Irgendwann haben beide gedacht: Machen wir doch mal was anderes, gehen wir doch mal auf einen Folkloreabend für Touristen. Und was gab es da zu sehen? Eine schlechte Show mit schlecht gelaunten Tänzern in aufgemotzten Trachten. „Authentisch war da nichts“, erinnert sich Siegfried Heinrich und wahrscheinlich hat er Recht. Das sei wie beim bayerischen Volkstheater. Viele Komödien, die in Stadthallen oder Wirtshäusern aufgeführt würden, hätten gar nichts mehr mit dem Leben der Menschen zu tun. „Stotternde Knechte, geile Mägde, karierte Tischdecken.“ So nicht.Eigentlich ist Siegfried Heinrich, 49, EDV-Spezialist bei der Forstdirektion in Regensburg. In seiner Freizeit aber schreibt er Theaterstücke. Volkstheater-Komödien mit bayerischer Prägung. Dabei lässt er sich vom wahren Leben führen. Weil er Wert auf Authentizität legt. So sei sein Stück „Liebestombola“ vom Aufeinandertreffen zweier New Yorker Prostituierter mit Franz-Josef Strauß im Jahr 1971 inspiriert. Sagt Herr Heinrich, der Mann mit der runden, schwarzen Brille und der engen Cordjacke. Auch zum Telefon-Sex-Skandal mit dem ehemaligen CSU-Landtagsabgeordneten Wallner gebe es Parallelen. Bei Weißbier und Calzone, in einer Bad Abbacher Pizzeria sitzend, erzählt Siegfried Heinrich den Inhalt seines oft gespielten Werkes: Ein Moosburger Bürgermeister gewinnt beim heimlichen Abstecher auf eine Berliner Erotik-Messe eine Nacht mit Chantal und wird mit k.o.-Tropfen betäubt. Deshalb muss ein Zahnarzt in seine Rolle schlüpfen und den Moosburger bei offiziellen Gesprächen mit der Berliner Regierung vertreten. So ergeben sich – für die Dramaturgie eines Volksstückes nicht ganz unerhebliche – Möglichkeiten personeller Verwechslung. Der ganze Saal brüllt vor Vergnügen. Ein Wiener Verlag veröffentlichte als erster Heinrichs Stücke. Es wurde vertraglich festgelegt, dass die Theatergruppen, die Heinrichs Werke aufführen, aus Moosburg beispielsweise Kleinwallersdorf (oder so) machen dürfen. Damit die Leute in Kleinwallersdorf (oder so) noch herzlicher lachen können. Außerdem darf der bayerische Ur-Text von den Schauspielern jederzeit in andere Dialekte übersetzt werden. Auch das ist wichtig für den ein oder anderen zusätzlichen Lacher. Auf der Abrechnung jedenfalls, die der Verlag Siegfried Heinrich regelmäßig schickt, sieht der Autor dann, wie die Gemeinden heißen, die gerade etwas von ihm aufgeführt haben. In Atlanten schaut Heinrich nach, wo die Orte liegen. In Österreich, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen. Da freut sich Siegfried Heinrich. Sogar in den Niederlanden werden seine Volksdramen gespielt. Dort heißt „Die Liebestombola“ „De Liefdestombola“ und „Besuch vom Bierplanet“ heißt „Bezoek van de Bierplaneet“. Heinrich träumt davon, dass sich bald auch englische oder französische Vorhänge für seine Stücke öffnen. Eigentlich wollte der Schriftsteller, Sohn eines Regensburger Beamten, Einzelkind und Vater zweier Söhne, Schauspieler werden. Als Schüler übernahm er kleine Rollen im Stadttheater Regensburg („Hier, die Depesche!“ war sein erster Satz). Später trat er außerdem im Bauerntheater auf, wo er sich früh über allzu dämliche Stücke ärgerte. Also verfasste Heinrich eigene, schickte vor zwölf Jahren erste Texte an renommierte bayerische Verlage. Eine Absage folgte der nächsten. „Leg doch einfach mal ein paar einzelne Haare zwischen die Seiten und notiere dir, wo“, riet ihm Autorenkollege Harald Grill. Und tatsächlich: Als es wieder einmal hieß „Ihr Werk passt leider nicht zu unserem Verlag“ fand Heinrich die Haare an den ihn vertrauten Stellen. Da schimpfte er auf die Lektoren: „Woher wollen sie wissen, dass mein Stück nicht ins Programm passt? Sie haben es gar nicht gelesen.“ Endlich verlegte ein Wiener Verlag, der auch Felix Mitterer im Programm hat, das Werk „Die Heiratsanzeige“. Heinrich, der mittlerweile in Bad Abbach lebte und auch schon als Werbetexter beim Lokalradio und als Chemielaborant an der Uni gearbeitet hatte, schrieb immer weiter. Eine Komödie über einen Ort, der gegen die örtliche CSU den Bau einer Müllverbrennungsanlage verhindern möchte. Zum Beispiel. Oder das Stück „www.moral.ade“, in dem er sich mit Bekanntschaften aus dem Internet beschäftigt. Volksstücke, sagt Siegfried Heinrich, müssen authentisch und aktuell sein. Pro Werk braucht der Computerfachmann nach eigenen Angaben zwölf Monate. Trotzdem hat er in den vergangenen zwölf Jahren erst sechs veröffentlicht. Und der Rest? Viele Texte lägen noch in den Schubladen, sagt er. Noch nicht fertig. Manchmal sei entweder er, der Autor, oder seine Frau Jana, die Kindergärtnerin, mit dem Ergebnis unzufrieden. Manchmal sei aber auch „die Zeit für meine Stücke noch nicht reif“. Zum Beispiel für „Das Wunder von Zehdorf“, wo Heinrich beschreibt, wie ein Messdiener eine hölzerne Madonna mit Wassertropfen künstlich weinen lässt. So etwas Religionskritisches wollte bisher weder in Bayern, noch in Österreich ein Verlag haben. Zu heikel. Manchmal wird die Zeit knapp. Heinrich arbeitet zwar nur vier Tage in der Woche bei der Forstdirektion. Am Freitag hat er frei und schreibt. Trotzdem viel los: Die Familie, der Hund, die Bandscheiben. Oft hat der Autor so starke Rückenschmerzen, dass er auf einer Matte liegend am Boden seine Gedanken mit dem Schreibstift notieren muss. Bevor sie ihm wieder entschwinden. Ein Thema für sein nächstes Stück? Vielleicht. Lieber macht er was über die Forstreform, gegen die er kürzlich in München demonstrierte. Das ist das wahre Leben. Das gehört auf die Bühne.

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